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#R-Genera: Tageszeitungen aus zehn lateinamerikanischen Ländern tauschen auf dem V. Regionalkongress von Protecmedia Erfahrungen aus

An einfallsreichen Beispielen wurde vorgestellt, wie man im digitalen Zeitalter Geschäfte machen kann

Wie lässt sich die von den Zeitungsverlagen in ihren jeweiligen Einflussgebieten ausgeübte Kernaktivität in der heutigen Zeit der “Gratiskultur” weiterhin gewährleisten und verbessern? Das war die Frage, die hinter diesem interessanten Kongress stand, auf dem Tageszeitungen aus zehn lateinamerikanischen Ländern vertreten waren.

Der V. Kongress lateinamerikanischer Tageszeitungen fand vom 3. bis 6. Juni in der Dominikanischen Republik in einer äußerst partizipativen und von tatsächlichen Erfahrungen geprägten Atmosphäre statt. Die einzelnen Vorträge beinhalteten eine ganze Reihe praktischer Fälle, die in vier Schwerpunktthemen gegliedert waren: die Veränderungen im Inneren der Unternehmen und in der Mentalität der Mitarbeiter, die Verbesserung hinsichtlich der Kenntnis über die Leserschaft, die neuen kommerziellen Angebote, die die Möglichkeiten nutzen, welche sich durch den technologischen Fortschritt bieten sowie die digitalen Strategien, die aufgestellt werden, um neue Einkünfte zu generieren und das Geschäft zu diversifizieren.

Die wichtigste Botschaft vielleicht, die die Teilnehmer mitnehmen konnten, lässt sich eventuell so formulieren: “Lass dich von dem inspirieren, was andere tun, aber erwarte nicht, dass jemand dir die Zauberformel gibt oder dir sagt, was du tun musst. Diese Zauberformel musst du auf der Grundlage der Kenntnis deines Marktes selbst finden.” Viele Teilnehmer betonten, dass die wichtigste Leistung dieses Kongresses darin bestand, die Fantasie zu beflügeln und zu motivieren.

Hier einige interessante Erfahrungen und Ideen, die beschrieben wurden:

- Es gibt keinen digitalen Erfolg, wenn man sich nicht um die eigenen Mitarbeiter kümmert. Um die Redaktion und die übrigen Bereiche der Tageszeitung zu motivieren, in einer Multimedia-Landschaft zu arbeiten, muss ein Überblick kommuniziert und den Mitarbeitern die Notwendigkeit zur Teamarbeit und der sich daraus ergebenen positiven Synergien verständlich gemacht werden. Carmen Riera, Beraterin von SDI, nannte einige Beispiele.

- Journalismus ist keine Commodity, kein beliebiges und austauschbares Gut. Jede Tageszeitung hat den sozialen Auftrag, der Gemeinschaft zu dienen, an die sie gerichtet ist. Die Qualität der Leserschaft ist wichtiger als deren Anzahl. Und das ist es, was die Anzeigekunden schätzen. Man darf sich von auflagenstarken Geschäftsmodellen im Internet daher nicht täuschen lassen. Die Zeitung ist für eine Leserschaft wichtig, deren lokale Interessen mit ihr übereinstimmen, auch wenn die Leser geografisch verstreut leben. Die Zeitung muss jedoch den Anzeigekunden ihre Qualität deutlich machen können.

- Die aktuelle Tageszeitung im Papierformat hat weiterhin ihr Publikum und ihre Besonderheiten. Die Erfahrung zeigt, so Javier Errea, Berater von Errea Comunicación, dass es Projekte gibt, die entgegen dem Zeitgeist auf Papier gedruckt werden und rentabel sind. Es ist ein Fehler, das aktuelle Druckerzeugnis zu vernachlässigen und sich ausschließlich auf das kostenlose digitale Produkt zu konzentrieren.

- Man muss sich seiner Umgebung anpassen. Die Gaceta de Tucumán betreibt mit seinem “Club de Suscriptores” im Web einen erfolgreichen Abonnentenklub. Paradoxerweise stützt sich dieser auf das Netzwerk der “Zeitungsjungen” oder Zusteller, die das Druckerzeugnis verteilen. Die seit 140 Jahren in Frankreich bestehende “Dépêche du Midi” wendet eine nach außen (indem sie bezahlte Mehrwertdienste fördert) und nach innen (Vorbereitung ihrer Mitarbeiter auf das Online-TV und auf die übrigen neuen Kanäle) gerichtete Strategie an.

- Über das im konkreten Fall jeweils gewählte Paywall-Modell hinaus muss das Produkt bewertet sowie ermittelt werden, wofür die Leser zu zahlen bereit sind. Um zu erfahren, wie man dem Publikum dienen kann, müssen wir Daten über das Leserverhalten erheben.

- Der Ausbau im digitalen Umfeld muss vom bereits vorhandenen Know-how ausgehen. La Prensa Gráfica (El Salvador) hat auf den neuen digitalen Kanälen eine erfolgreiche Rubbel-Gewinnaktion durchgeführt. El Economista (Spanien) führt mit den gleichen Betriebsmitteln, die sie im Wesentlichen für ihre gedruckte Zeitung einsetzt, monatlich über zwanzig ausschließlich digitale Nischenpublikationen durch und erzielt damit nicht nur bedeutende Einkünfte, sondern erreicht außerdem neue Leser, neue Anzeigekunden und neue geografische Märkte.

- Die Grupo Epensa (Peru) und die Grupo El Debate (Mexiko) erzielen in ihren Unternehmen ein hohes Maß an Effektivität, die es ihnen ermöglicht, neue Verlagserzeugnisse schnell und unkompliziert zu erstellen, die Bedürfnisse neuer Bevölkerungssegmente zu erfüllen und dabei angesichts potenzieller Bedrohungen ihre Marktführung nicht zu verlieren.

- Der Grupo Diario Libre (Dominikanische Republik) gelang es, die “Unentgeltlichkeit” dergestalt mit dem “Abonnement” zu verbinden, dass sie ihre Zeitung von Tür zu Tür verteilt. Dadurch kann sie jetzt eine digitale 360-Grad-Strategie entwickeln, die auch die kommerziellen Aspekte abdeckt.

Der Austausch von Ideen und Ansichten zwischen den Teilnehmern war ein weiterer Bestandteil, die diesen V. Kongress lateinamerikanischer Tageszeitungen zu einem bedeutenden Treffen machten, das frischen Wind in die zuweilen etwas pessimistische Atmosphäre brachte, mit der sich einige Zeitungsverleger zu umgeben bemüht sind. Einsatz und Vorstellungskraft, darauf wird die digitale Zukunft gebaut.